Tarot entstand nicht im alten Ägypten, sondern im Italien des fünfzehnten Jahrhunderts als Kartenspiel. Sein Weg vom höfischen Zeitvertreib zum weltweit verbreiteten System der symbolischen Weissagung umspannt mehr als fünf Jahrhunderte und berührt Renaissancehöfe, französische Okkultisten und englische Geheimgesellschaften. Diese Seite zeichnet diesen Weg nach und betrachtet danach jede der zweiundzwanzig Großen Arkana im Einzelnen.
Ursprünge: Ein Kartenspiel der Renaissance (1430er–1500er)
Tarot entstand in der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts in Oberitalien — höchstwahrscheinlich in Mailand, Ferrara oder Bologna — als Kartenspiel für ein Stichspiel namens 'trionfi' (Triumphe). Die ältesten erhaltenen Erwähnungen stammen aus den 1440er Jahren. Die Karten wurden von Adelsfamilien wie den Visconti und Sforza aus Mailand in Auftrag gegeben, und die ältesten überlieferten Decks — Visconti-Sforza, Cary-Yale und Brambilla — sind handgemalte Luxusobjekte, die heute in der Morgan Library, der Bibliothèque nationale de France und der Pinacoteca di Brera verwahrt werden. Entscheidend ist, dass diese frühen Tarotkarten keine weissagende oder okkulte Funktion hatten. Die Bildsprache schöpfte aus dem gemeinsamen visuellen Repertoire der Renaissance: christliche Ikonografie, die vier Kardinaltugenden, mittelalterliche Kosmologie und die 'Trionfi'-Prozession, die durch Petrarcas Gedicht 'I Trionfi' populär geworden war. Die Standardstruktur aus 56 Farbkarten plus 22 Trümpfen hatte sich bis zum Ende des fünfzehnten Jahrhunderts herausgebildet.
Vom Spiel zum Orakel (1700er–1800er)
Die Verwandlung begann 1781, als der französische Pastor und Freimaurer Antoine Court de Gébelin einen Essay veröffentlichte, in dem er behauptete, Tarot sei ein erhalten gebliebenes „`Buch von Thoth“ aus dem alten Ägypten, das von den Roma nach Europa gebracht worden sei. Diese Theorie ist heute restlos widerlegt — es gibt keine historische Verbindung zu Ägypten —, doch sie entfachte die okkulte Deutung des Tarot. Jean-Baptiste Alliette, bekannt als Etteilla, wurde der erste berufsmäßige Tarot-Wahrsager und entwarf 1789 das erste eigens für die Wahrsagung geschaffene Deck. Im neunzehnten Jahrhundert verknüpfte Éliphas Lévi die 22 Trümpfe mit den 22 hebräischen Buchstaben und dem kabbalistischen Lebensbaum — eine Entsprechung, die er weitgehend selbst konstruierte, die aber zur Grundlage nahezu aller späteren westlichen Okkult-Tarots wurde. Papus (Gérard Encausse) systematisierte dieses System in „`Le Tarot des Bohémiens“ (1889), und Oswald Wirth illustrierte im selben Jahr ein 22-kartiges Okkult-Deck.
Wegweisende Decks: Marseille, Golden Dawn, Rider-Waite-Smith, Thoth
Die Marseille-Tradition — ein standardisierter Holzschnittstil, der in Frankreich durch Jean Noblet (um 1650), Jean Dodal (um 1701) und Nicolas Conver (1760) kristallisiert wurde — blieb zwei Jahrhunderte lang das Referenzdeck. Seine kleinen Karten zeigen nur Farbsymbole, und Gerechtigkeit trägt die Nummer VIII, während Kraft auf XI steht. Der Hermetic Order of the Golden Dawn, 1888 in London gegründet, verwebt Kabbala, Astrologie und Tarot zu einem elaborierten System von Entsprechungen. Zwei seiner Mitglieder schufen die einflussreichsten Decks des zwanzigsten Jahrhunderts. 1909 beauftragte A.E. Waite Pamela Colman Smith mit dem Rider-Waite-Smith-Deck, dessen revolutionäre Neuerung darin bestand, jede Kleine Arkana mit einer szenischen Darstellung zu versehen. Waite vertauschte zudem Kraft und Gerechtigkeit: Kraft kam auf VIII, Gerechtigkeit auf XI. Smith erhielt eine einmalige geringe Gebühr und keine Tantiemen, und ihr Name wurde jahrzehntelang vom Karton verschwiegen; die Bezeichnung „`Rider-Waite-Smith“ stellt ihr diese Anerkennung wieder her. Aleister Crowley und Lady Frieda Harris malten das Thoth-Tarot zwischen 1938 und 1943, doch es wurde erst 1969 veröffentlicht. Es benennt mehrere Trümpfe um — Kraft wird zu „`Lust“, Gerechtigkeit zu „`Adjustment“, Mäßigkeit zu „`Art“, Gericht zu „`The Aeon“ — und verdichtet kabbalistische, astrologische und thelemische Symbolik auf engstem Raum.
Geschichte und Tradition: Zwei Schichten
Die moderne Tarotforschung, verankert durch das Werk „`The Game of Tarot“ (1980) des Philosophen Michael Dummett und das gemeinsame Werk „`A Wicked Pack of Cards“ (1996), legt dar, dass die Bildwelt der Trümpfe ein Produkt der Renaissance ist — kein ägyptisches oder kabbalistisches Erbe. Gelehrte wie Ronald Decker und Robert M. Place haben gleichwohl argumentiert, dass Renaissance-Humanisten neuplatonische und hermetische Symbolik in die Bilder eingewoben haben könnten. Die beiden Schichten müssen sich nicht widersprechen. Die belegte Geschichte der Karten ist das eine; das Symbolsystem, das nach 1781 auf ihnen aufgebaut wurde, ist das andere, und jenes System ist zu einem untrennbaren Teil dessen geworden, wie Tarot heute gelesen wird. Diese Seite berichtet über beide und unterscheidet dabei Fakten von Tradition.