Luna
Tarot-Geschichte
Karte 2

Die Hohepriesterin

Die Geschichte der Tarotkarte Die Hohepriesterin: von La Papessa in frühen italienischen Decks bis zur Rider-Waite-Smith-Hüterin des Unterbewussten zwischen Boas und Jachin.

Die Hohepriesterin
ItalienischLa Papessa
FranzösischLa Papesse

Etymologie & Name

Das italienische 'La Papessa' bedeutet 'die Päpstin'. Die Figur wird oft mit der mittelalterlichen Legende der Päpstin Johanna in Verbindung gebracht, einer Frau, die der Überlieferung nach unentdeckt als Papst regierte, bis sie während einer Prozession niederkam. Ob die Legende die direkte Vorlage ist oder nicht, die Bildsprache bezeichnet offenbar eine weibliche religiöse Autorität, die außerhalb der gewöhnlichen männlichen Hierarchie steht.

Frühe Bildsprache

Vom Visconti-Sforza-Deck an erscheint La Papessa als Frau mit dreifacher Tiara, die ein Buch oder einen Stab hält und in ruhiger Würde thront. Die Marseille-Tradition zeigt sie frontal und statisch — ein Ikonenbild statt einer Erzählung. Sie wurde wahrscheinlich als Allegorie des Glaubens oder der Kirche gelesen, noch nicht als esoterische Priesterin.

Rider-Waite-Smith-Design

Smith gestaltete sie zur verschleierten Hüterin verborgenen Wissens um. Sie sitzt zwischen zwei Säulen — der schwarzen (B, Boas) und der weißen (J, Jachin), den Säulen des Salomonischen Tempels — hinter einem Vorhang, der mit Granatäpfeln bestickt ist, einem Symbol des kabbalistischen Lebensbaums. Zu ihren Füßen liegt eine Mondsichel, sie trägt eine Krone aus drei Mondphasen, und eine halb geöffnete Schriftrolle mit der Aufschrift „`TORA“ ruht in ihrem Schoß.

Schlüsselsymbolik

Die beiden Säulen verkörpern die Dualität — Licht und Dunkel, Bewusstes und Unbewusstes. Vorhang und Granatäpfel verbergen die verborgene Quelle der Weisheit; die Mondkrone markiert ihr Reich als Intuition, Traum und Unterbewusstsein. Die Torarolle bedeutet das göttliche Gesetz, das nur dem geduldig Suchenden zugänglich ist, und der Mond zu ihren Füßen verankert sie in den Gezeiten der inneren Welt.

Über Traditionen hinweg

Die Papesse der Marseille-Tradition ist ein nüchternes Bild weiblicher geistlicher Autorität. Waite machte sie, gestützt auf die Entsprechungen des Golden Dawn, zur Hüterin esoterischer Mysterien. Im Thoth-Deck nennt Crowley sie „`Priestess“, weist ihr den Mond zu und rüstet sie mit einem Bogen aus, wodurch er die aktive, durchdringende Qualität der lunaren Intuition betont.

Kultureller Kontext

Über die Päpstin Johanna hinaus ruft die Hohepriesterin Isis, Persephone und die Mondgöttin Diana ins Gedächtnis. In der Jungschen Psychologie vertritt sie das Unbewusste und den Archetyp der weisen Frau. Als dritte Figur der Trumpfreihe führt sie die Dimension der Innerlichkeit ein — das stille Gegengewicht zum nach außen gerichteten Handeln des Magiers.

Kartenbedeutung