Das Glücksrad
Die Geschichte der Tarotkarte Das Glücksrad: von La Ruota und den mittelalterlichen Manuskripten des Fortunarades bis zum Rider-Waite-Smith-Rad mit Sphinx, Schlange und Anubis.

Etymologie & Name
Vom lateinischen 'rota' (Rad) und 'fortuna' (der Göttin Fortuna). Das Bild stammt unmittelbar vom Rad der Fortuna, das die mittelalterlichen Manuskripte füllte und durch Boethius' 'Trost der Philosophie' (um 524) popularisiert wurde, in dem das Rad der Fortuna Könige ohne Vorwarnung hebt und senkt.
Frühe Bildsprache
Das Visconti-Sforza-Deck zeigt bereits das Rad mit Figuren, die sich daran festhalten, beschriftet mit 'Ich werde herrschen', 'Ich herrsche', 'Ich habe geherrscht', 'Ich bin ohne Herrschaft'. Manchmal dreht ein verbundener alter Mann das Rad von unten. Die Bildsprache ist direkt der Buchmalerei entnommen und bedarf keines okkulten Schlüssels.
Rider-Waite-Smith-Design
Smith füllte das Rad mit Symbolik des Golden Dawn. Oben sitzt eine Sphinx, die ein Schwert hält; links steigt eine Schlange (Typhon) hinab; rechts erhebt sich Anubis. Am Rand wechseln sich die Buchstaben des göttlichen Namens JHVH und das Wort TARO ab. In den Wolken an den Ecken reiten die vier Lebewesen — Mensch, Adler, Löwe und Stier —, von denen jedes ein Buch hält.
Schlüsselsymbolik
Die Sphinx repräsentiert die Weisheit, die den Drehpunkt des Rades hält; die absteigende Schlange und der aufsteigende Anubis verkörpern Fall und Aufstieg des Glücks. Die vier Lebewesen sind die Fixzeichen des Tierkreises (Wassermann, Skorpion, Löwe, Stier) und die vier Evangelisten. Das Rad selbst ist Vergänglichkeit — die einzige Gewissheit ist, dass sich die Dinge drehen werden.
Über Traditionen hinweg
Das Rad der Marseille-Tradition ist schlicht, mit vier Figuren, die auf- und absteigen. Waite lud es über das System des Golden Dawn mit astrologischen und kabbalistischen Entsprechungen auf. Im Thoth-Deck stellt Crowley das Rad als eine zehnspeichige Strahlung dar und weist ihm Jupiter zu, wobei er thelemische Gestalten wie Hrumachis einbezieht.
Kultureller Kontext
Die Karte schöpft aus der römischen Göttin Fortuna, dem Rad des Boethius und dem buddhistischen 'Bhavacakra' (Rad des Werdens). Astrologisch entspricht sie dem Jupiter, dem Planeten des Glücks und der Expansion. Als Trumpf Nummer 10 markiert sie die Mitte der Großen Arkana — den Moment, in dem der Reisende die Zyklen des Schicksals erkennt, die die Welt regieren.