Luna
Tarot-Geschichte
Karte 11

Gerechtigkeit

Die Geschichte der Tarotkarte Gerechtigkeit: ihr Ursprung als La Giustizia, eine Kardinaltugend, die Vertauschung der Marseille-RWS-Nummerierung und Crowleys Umbenennung in Adjustment.

Gerechtigkeit
ItalienischLa Giustizia
FranzösischLa Justice

Etymologie & Name

Vom lateinischen 'iustitia', einer weiteren der vier Kardinaltugenden. Die Figur stammt von den klassischen Göttinnen Dike (griechisch) und Justitia (römisch) ab, und das Bild einer Frau mit Schwert und Waage war bereits alt, als der Tarot es übernahm.

Frühe Bildsprache

Vom Visconti-Sforza-Deck an erscheint Gerechtigkeit als thronende Frau, die in einer Hand ein aufrechtes Schwert und in der anderen eine Waage hält. Sie ist eine der drei in den Trümpfen bewahrten Kardinaltugenden, und ihre Attribute haben sich über fünf Jahrhunderte kaum verändert.

Rider-Waite-Smith-Design

Smith setzte sie auf einen Stein zwischen Säulen, einen purpurnen Vorhang hinter ihr, gekrönt, mit Schwert und Waage. Ihr Ausdruck ist ruhig und vernünftig, das Schwert nach oben gerichtet, die Waage im Gleichgewicht. Die Bildsprache ist zurückhaltend und archaisch, näher der mittelalterlichen Tugend als dem Mysterium.

Schlüsselsymbolik

Das Schwert ist Unterscheidungsvermögen und Entscheidung — der Schnitt, der Wahrheit von Falschheit scheidet. Die Waage ist Gleichgewicht und unparteiliches Messen. Die Krone bezeichnet legitime Autorität, der purpurne Vorhang die geistige Dimension der Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist nicht Rache, sondern das geordnete Abgleichen der Konten, das den Kosmos erhält.

Über Traditionen hinweg

In der Marseille-Reihenfolge ist Gerechtigkeit VIII und kommt vor Kraft (XI) — das Gesetz geht der Kraft voraus. Waite vertauschte sie und setzte Kraft auf VIII und Gerechtigkeit auf XI, sodass innere Standhaftigkeit den Boden für gerechte Beurteilung bereitet. Im Thoth-Deck benennt Crowley die Karte in „`Adjustment“ um, weist ihr die Waage zu und zeigt die Göttin tanzend statt sitzend, was dynamisches statt statisches Gleichgewicht bedeutet.

Kultureller Kontext

Gerechtigkeit erbt von Dike, Justitia und dem Erzengel Michael, der die Seelen wägt. Als Kardinaltugend ist sie eine der moralischen Säulen der Trumpfreihe. Astrologisch entspricht sie der Waage. Ihre Umnummerierung durch Waite ist eine der meistdiskutierten strukturellen Verschiebungen im modernen Tarot und spiegelt eine andere Auffassung davon wider, wie die Tugenden geordnet sind.

Kartenbedeutung